[suryoyo-online] Tell-Halaf-Ausstellung: Die Welt der Aramäer

Gabriel Rabo grabo at gwdg.de
Mit Jan 26 17:24:26 CET 2011


Tagesspiegel.de <http://www.tagesspiegel.de>  26.01.2011 17:05 Uhr


Tell-Halaf-Ausstellung 


Die Welt der Aramäer


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744024/3.JPG?format=format1

Oppenheims Liebling. Die große thronende Göttin (vorne) nannte der
Archäologe liebevoll „meine schöne Venus“. Das Foto zeigt sie mit einer
weiteren Götterstatue nach der Freilegung... - Foto: © Max Freiherr von
Oppenheim-Stiftung, Köln

Seit 100 Jahren wird am Tell Halaf geforscht – das Vorderasiatische Museum
setzt die Arbeit Max von Oppenheims fort. 

„Oft war ich monatelang in Nordarabien, Syrien und Mesopotamien mit
Beduinen, den freien Söhnen der Wüste, in ihren Zelten zusammen. Ich kannte
ihre Seele, ihre Sprache und ihre Sitten genau. Die Leute waren mir lieb
geworden, und man empfing mich überall mit offenen Armen“, schreibt Max von
Oppenheim 1931 in der Einleitung zu seinem Buch „Entdeckung und Ausgrabung
des Tell Halaf“. Oppenheim begegnete den Beduinen auf Augenhöhe und nicht
mit kolonialer Attitüde. Daher vertraute ihm auch Ibrahim Pascha den Fund
der Steinfiguren bei Ras el Ain in Nordsyrien an. 1899 entdeckte Max von
Oppenheim bei einer Probegrabung dicht unter der Erdoberfläche die ersten
Basaltfiguren der Aramäer.

Er ließ sie wieder zuschütten und bemühte sich um eine Grabungslizenz, die
er nach reiflicher Vorbereitung 1911 dann auch nutzte. Oppenheim engagierte
erfahrene Fachleute, die bei Robert Koldewey in Assur und Babylon gegraben
hatten, darunter den Grabungsarchitekten Felix Langenegger, den Architekten
Löffler sowie den Arzt und Fotografen Seemann. Vorsteher der Karawane und
persönlicher Diener war Tannus Maluf, ein christlicher Syrer; Elias Maluf,
sein Vetter, arbeitete als arabischer Sekretär der Grabung.


Bildergalerie Oppenheim und Tell Halaf (44 Bilder)
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ll-halaf/3733398.html> 


Die Vorbereitung der Grabung war eine logistische Meisterleistung, denn
„Tell Halaf ist viele Tagesreisen von den nächsten Städten Deir ez-Zor,
Mardin und Urfa entfernt“. Alles, aber auch alles musste mit etwa 1000
Kamelen von Aleppo nach Tell Halaf geschafft werden, „die wissenschaftlichen
Geräte, die Werkzeuge für die Grabung, eine Feldbahn mit zwölf Kippwagen und
fast das gesamte Material für den Bau unseres Expeditionshauses“, schreibt
Oppenheim.

Die Anwerbung von Arbeitern gestaltete sich zunächst schwierig, aber dennoch
begann er die Grabung am 5. August 1911 mit einer Belegschaft von zehn Mann.
Da Oppenheim gut und bar zahlte und sich mit den Beduinenstämmen verstand,
gelang es ihm im Laufe der Zeit, eine treue Mitarbeiterschar zu gewinnen,
die auf dem Höhepunkt der Grabung etwa 550 Mitarbeiter, darunter auch
Frauen, zählte. „Zeitweilig bildete sich um unser Grabungsgebiet ein
riesiges Zeltlager der Familien und Stammesgenossen unserer Arbeiter, in dem
mehrere tausend Menschen hausten“, schreibt Oppenheim.

Schon 20 Zentimeter unter der Erde fand er die ersten Skulpturen, legte dann
die Fassade des Tempelpalastes frei. „Nach und nach stießen wir auf drei
Tierkolosse, Riesengötterstatuen, verschleierte Sphingen und weitere Teile
der Fassade“. Damit war die Grabung von Tell Halaf schon erfolgreicher als
die von Babylon und Assur – zumindest, was die Größe der spektakulären Funde
betraf. Oppenheim hatte eine Lücke auf der Besiedlungskarte gefüllt und die
Stadt Guzana der Aramäer aus dem 9. Jahrhundert vor Christus entdeckt.

Da die Grabung von Fachleuten beaufsichtigt wurde, konnte der
leidenschaftliche Orientalist von Tell Halaf aus weitere Forschungsreisen
unternehmen. 1913 entdeckte er die Steinbilder von Djebelet el Beda, die
wesentlich älter waren als die Objekte von Tell Halaf. Auch wenn die großen
Götterfiguren für Furore sorgten: Die Buntkeramik aus dem fünften
Jahrtausend vor Christus ist mindestens ebenso bedeutend und wurde als
„Halaf-Ware“ zum Maßstab der Keramik-Datierung.

1927 bekam Oppenheim wieder eine Grabungslizenz von der französischen
Mandatsverwaltung Syriens, und so gelangten 13 Eisenbahnwaggons mit Funden
nach Berlin. Der syrische Fundanteil bildete den Grundstock für das
Nationalmuseum von Aleppo. In der Bewertung seiner Funde zeigte sich der
Archäologe stur, so etwa bei der Datierung der Halaf-Ware oder der Frage
nach der Identität der Aramäer.

„Für die damalige Zeit hat Max von Oppenheim mustergültig gearbeitet. Die
Dokumentation ist sehr exakt und messgenau, damit kann man auch heute noch
gut arbeiten“, erzählt Lutz Martin vom Vorderasiatischen Museum Berlin. Mit
seiner Kollegin Nadja Cholidis leitet er das
Tell-Halaf-Restaurierungsprojekt. Außerdem führt er zusammen mit Abd
al-Masih Bagdo von der Syrischen Antikenverwaltung aus Hassaka seit 2006 die
neue deutsch-syrische Grabung auf dem Tell Halaf durch. Oppenheim habe sich
vornehmlich für die Bildwerke interessiert, heute stehe die Erforschung der
Siedlungsgeschichte im Vordergrund. „Es war ein alter Wunsch von mir, dort
weiterzugraben“, erzählt Lutz Martin. Dank des erfolgreichen
Restaurierungsprojektes habe Syrien dann die Grabung genehmigt und die
Deutsche Forschungsgemeinschaft habe die Finanzierung übernommen. „Wir
fingen am 5. August 2006 an, am gleichen Tag wie Oppenheim 1911. Aber das
war wirklich Zufall.“

Zunächst ging es um eine Orientierungsgrabung. Wegen des neuen
Chabur-Staudammes waren in den siebziger Jahren viele Menschen umgesiedelt
und so ein großer Teil der alten Unterstadt zugebaut worden. Das erschwerte
das Unterfangen. Jetzt graben die Archäologen dort weiter, wo Oppenheim
aufgehört hat: am südlichen Teil des Nordostpalastes und am Westpalast. „Wir
haben festgestellt, dass die Zitadelle noch in hellenistischer Zeit
besiedelt war, das wäre noch ein Projekt für klassische Archäologen in der
Dschezzira“, regt Martin an.

Die Funde sind nicht mehr ganz so spektakulär wie zu Oppenheims Zeiten. Aber
eine große Sitzfigur aus assyrischer Zeit sowie aramäische Schriftdokumente,
Schmuck und Keramik wurden entdeckt. „Der Tell Halaf ist immer noch für
Überraschungen gut“, meint Martin. Die Bevölkerung sei nach anfänglicher
Sorge um ihre Häuser sehr interessiert und sensibilisiert. „Wir haben
mittlerweile gute Arbeiter. Und abends kommen die Bewohner und schauen, was
wir erreicht haben.“

Die Funde gehen nicht mehr nach Berlin, sondern in das Museum von Deir
ez-Zor. Dreißig deutsche Mitarbeiter von den Universitäten Tübingen, Halle
und München zählt die Grabung jetzt, zusätzlich 110 lokale Kräfte. „Der Tell
Halaf ist immer noch eine prominente Ruinenstätte in Syrien“, sagt Lutz
Martin.

 

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